Von vielen netten Menschen, die ich hier getroffen habe, habe ich bereits berichtet – doch nicht nur nette Menschen hausen in Granada, auch (mehr oder weniger nette) Tiere, und das vorzugsweise dort, wo die Menschen wohnen. Die einen krabbeln, die anderen fliegen, ja – und es gibt einige von der Sorte, die krabbeln UND fliegen. Ich glaube, ihr wisst, wovon ich rede: Cucarachas!
So hatten wir vor ein paar Tagen einen Besucher, der mit seiner Körpergröße alles übertraf was ich jemals zuvor an Küchenschaben und Kakerlaken gesehen habe. Alles begann mit einem schönen Abend in einer netten Bar. Auf dem Nachhauseweg (voller Vorfreude auf ein warmes Bettchen und Ruhe), rechnete ich mit nichts bösem und schloss gut gelaunt die Haustüre auf und steuerte direkt auf Martas und mein Zimmer zu. Als ich dann in der Dunkelheit einen schwarzen Fleck auf dem Boden sah, hoffte ich zunächst mal, dass es sich um eine optische Täuschung handelt, die auf meinen regelmäßigen Konsum von Tinto de Verano zurückzuführen ist. Also beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen und schaltete das Licht an – und tatsächlich, da saß sie, riesig, fett und schwarz, ganz gemütlich in der Mitte Martas Zimmer. Wie angewurzelt blieb ich stehen und strengte meine grauen, ein wenig durch Alkohol getrübten Zellen an, denen partout nichts auf Anhieb einfallen wollte. Wie in einem schlechten Westernfilm standen wir uns wie versteinert gegenüber und sahen uns tief in die Augen (haben Kakerlaken überhaupt Augen? Wenn nicht, habe ich wohl woanders hingestarrt). Ich weiß nicht, ob sie auch darauf wartete, dass ich endlich die Pistole ziehe, aber ich wartete auf jeden Fall äußerst angespannt auf eine Reaktion von ihr.
Was zu tun? Nicht mit dem Schuh zertreten, dachte ich, denn dann legt sie ihre Eierchen ab und wir haben bald nicht nur EINEN fetten, schwarzen Fleck auf dem Boden, sondern eine ganzen Teppich von schwarzen Flecken, die sich beim Lichtanschalten wellenartig in ihre dunklen Verstecke zurückziehen. Aber was dann? Aufgrund Ideenmangels entschied ich mich dann doch dazu, meinen Schuh zu zücken und mit einem Schlag und einem Schrei dem Unheil ein Ende zu setzen, sodass ich den Rest der Nacht damit verbrachte, meinen Schuh und Martas Fußboden mit Sagrotan zu desinfizieren und danach die Wohnung akribisch auf weitere Artgenossen zu untersuchen.
Mittlerweile haben wir uns (zwangsweise) für einen anderen Mitbewohner entschieden: sein Name ist Fabio, er wohnt in Martas Zimmer in der Ecke links oben, ist ebenfalls dick und schwarz und von Beruf Spinne. Leider können wir ihn nicht vor die Tür setzen, da in unserem typisch andalusischem Haus die Wände so hoch sind, dass wir beim besten Willen keine Chance haben, ohne Leiter an ihn heranzukommen. So hat der gute wohl einen unbefristeten Mietvertrag. Es wäre schön, wenn er wenigstens zum Mittagessen mögliche neue Cucarachas verspeisen würde, um seinen Mietanteil dazuzusteuern.
Ich bin wirklich froh, dass ich keine Tier-Phobie habe, denn damit ist man hier in Granada schlecht zurecht. Da wäre zum Beispiel der Österreicher Matthias, mein Sitznachbar im Spanischkurs, der ein ernsthaftes Problem mit Tauben hat, die es hier zu genüge gibt. Letzte Woche saßen wir gemütlich nach dem Unterricht auf einer Bank in der Sonne. Die Gemütlichkeit endete abrupt, als eine Taube vor unseren Füßen auf dem Boden landete und fröhlich vor sich hin gurrte. Matthias, ein Kerl wie ein Baum und normalerweise durch kein Wässerchen zu trüben, wurde ganz schön blass um die Nase, mit der Begründung, dass die Taube ja einen ekeligen „Klumpfuß“ habe. („Oh naaa, mir woard’s gaaanz schlächt, des is joa eekliig, hiar koan i nit siatzenbloiben!“) …. Und schwups, war er weg.
Tja, wenn alles, was kreucht und fleucht wenigstens auch so schnell verschwinden würde, hätte ich hier eine Sorge weniger. Leider sind diese Artgenossen dreister – das haben sie sich wohl bei den Spaniern abgeguckt.


